Die Caremma von Gallipoli

Fasten- und Osterzeit in Apulien. Ein Spaziergang durch Gallipoli und ein Treffen mit der Caremma.


Gallipoli im März. Das Meer glitzert, die Temperaturen sind bereits frühlingshaft und der Himmel wolkenlos. Im Hafen dümpeln kleine Fischerboote vor sich hin, aber über meinem Kopf baumelt eine groteske und leblose Gestalt. In Trauerkleidung gehüllt, hält sie in ihrer steifen Hand eine Apfelsine, in deren Schale Federn stecken. Eine Begegnung mit der Caremma widerfährt einem in Gallipoli nur während der Fastenzeit.

 Es ist Mitte März und im Süden Apuliens hat der Frühling Einzug gehalten. Bei Sonnenschein werden bereits Temperaturen von bis zu zwanzig Grad Celsius erreicht. Ein perfekter Tag, um die Altstadtinsel von Gallipoli zu erkunden.

Viele Jahre ist es her, als ich das erste Mal die kleine Stadt an der Ionischen Küste Apuliens besuchte. Noch sehr gut erinnere ich mich an meinen ersten Eindruck. Die neuen Stadtviertel Italiens sind oft nicht besonders sehenswert, aber in Gallipoli trifft Alt und Neu in extremer Weise aufeinander. Kurz vor der Brücke, welche das historische Zentrum mit der Neustadt verbindet, befindet sich der sogenannte Palazzo di Vetro (Glaspalast), auch als Grattacielo (Wolkenkratzer) bekannt. Das höchste Gebäude im südlichen Apulien befindet sich ausgerechnet direkt vor einer der schönsten Altstädte des Salento.

Blick auf den Hafen von Gallipoli
Gallipoli im März: Sonne, Meer und Fischerboote

Neu und Alt im Kontrast - Gallipoli
Blick vom historischen Zentrum Gallipolis zur Neustadt

Der harte Kontrast zwischen Altem und Neuem entsetze mich bei meinem ersten Besuch. Heute wundere ich mich über die Existenz solcher deplaziert wirkenden Gebäude, die meist aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, kaum noch. Sie stehen für eine Epoche des ärmlichen Südens, als man sich seiner bäuerlichen Abstammung und seiner Mundart oftmals noch schämte und der einfachen Herkunft möglichst schnell den Rücken kehren wollte, für die Hoffnung dieser Jahre, dass auch im Süden Italiens Modernität und damit gleichzeitig ein gewisser Wohlstand Einzug hält.

Selbstverständlich finde ich den Palazzo di Vetro auch heute noch nicht schön. Aber er gehört irgendwie mit dazu, auch wenn er aus einer Zeit stammt, die in Italien nicht unbedingt dafür berühmt ist, architektonische Schönheiten produziert zu haben. Allerdings muss die Aussicht aus luftiger Höhe auf die Insel mit ihrem centro storico großartig sein. Allein aus fotografischen Interesse, würde ich das Gebäude gerne einmal erklimmen.

Gallipoli
Das Ionische Meer und die Altstadt von Gallipoli

Wer zum ersten Mal die Altstadt Gallipolis besucht, lässt sich am besten ziellos durch das Gewirr von schmalen Gassen treiben. Hier findet man ein Stück Apulien, welches das Herz vieler Reisenden höher schlagen lässt: Palazzi aus vergangenen Jahrhunderten, barocke Kirchen und schlichte, aber nicht weniger schöne Häuser - ein faszinierendes Gemisch aus Kunst und Profanen. Süditalien von seiner schönsten Seite.

Das centro storico von kalí pólis, die schöne Stadt Gallipoli, ist griechischen Ursprungs, wie unschwer am Namen zu erkennen ist. Die Altstadt ist bis heute zum großen Teil fest in der Hand seiner Einwohner. Wer außerhalb der Saison durch die engen Gassen spaziert, bekommt gleichzeitigen den apulischen Alltag präsentiert. An diesem sonnigen Tag im März schien der große Wasch- und Putztag angesagt zu sein: Fenster und Türen sind weit geöffnet. Ein intensiver Geruch von Weichspüler zieht durch die Gassen, um gegen Mittag von dem verführerischen Geruch nach frittierten Fisch und anderen apulischen Köstlichkeiten abgelöst zu werden.
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Während ich durch die Sträßchen laufe, kurz beim Bäcker Halt mache, vom verlockenden Geruch noch warmen Focaccia angezogen, danach einen fachmännischen Blick über die Artischocken des Obsthändler schweifen lassen - denn auch ich muss schließlich an mein leibliches Wohl denken - da hängt sie auf einmal über meinem Kopf, Trauerkleidung tragend und die obligatorischen Apfelsine in der steifen Hand haltend: La Caremma.

La Caremma Gallipoli
La Caremma in Gallipoli

Mehr als einer könnte denken, dass es sich bei der Caremma um eine nahe Verwandte der Befana handelt, die zum 6. Januar die Straßen Italiens bevölkert und vielleicht einfach dort vergessen wurde. Sie ist jedoch eine ganz andere folkloristische Persönlichkeit, wenn auch eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit nicht abzustreiten ist.

Der Begriff Caremma stammt von dem französischen carême, Italienisch quaresima - im deutschsprachigen Raum auch unter dem Begriff Fastenzeit bekannt. In vielen Orten des Salento findet ihr sie in Trauerkleidung gehüllt auf einem Stuhl sitzen. Aber in Gallipoli wird sie makaber "erhangen". Hier baumelt sie über den Straßen der ionischen Hafenstadt vom Ende des Karnevals- und zu Beginn der Fastenzeit 40 Tage lang bis zum Ostersonntag. In ihrer Hand, oder manchmal auch zu ihren Füßen, befindet sich eine Apfelsine, in deren Schale sieben Federn stecken. Eine für jede Woche der Fastenzeit. Jeden Sonntag wird eine Feder entfernt und wenn der Ostersonntag, die Auferstehung und Erlösung vor der Tür steht, geht auch die Zeit der Caremma zu Ende: Sie wird mit viel Spektakel und Spaß am Tag der Auferstehung öffentlich verbrannt, um das Ende der Abstinenz und der Leidenszeit gebührend zu feiern.

Sant'Andrea - Gallipoli
Blick von Gallipoli zur Insel Sant'Andrea

Fischer in Gallipoli
Fischer in Gallipoli

Ich überlasse la caremma ihrem vorgezeichneten Schicksal und genieße stattdessen die Sonne, das Ionische Meer und den Blick auf die pittoreske Altstadt Gallipolis, während ich mir meine Focaccia schmecken lassen. In meiner Hand trage ich eine mit Artischocken gefüllte Tüte, denn auch an das Abendessen muss gedacht werden und dem Angebot des lokalen Obsthändlers konnte ich ebenso wenig widerstehen, wie der ofenfrischen Backware. Zufrieden kauend erinnere ich mich an eine Hommage an Apulien, die ich vor einigen Monaten im Blog Reise nach Apulien von Katrin aus Brindisi las:

"Apulien kann man nicht ein ” bißchen” mögen…. entweder ganz oder gar nicht, hier gibt es keine halben Sachen… man findet nicht die Lieblichkeit der Toskana, nicht die mondäne Amalfitana…. hier findet man das authentische Italien."

Treffender könnte ich es nicht beschreiben. Vielleicht ist dies der Grund, warum ich Apulien, auch nach vielen Jahren im Süden, immer wieder neu entdecke, mich an den Sehenswürdigkeiten nie sattsehen und dem Meer und immer gegenwärtigen Wind und insbesondere dem intensiven Licht niemals Leid werden kann.

PS: Dies war natürlich noch lange nicht alles, was ich euch aus Gallipoli zu berichten haben. Aber für unterirdische Ölmühlen, die Kathedrale Sant'Agata, Chiesa San Francesco di Paola, Chiesa di San Francesco d'Assisi, Chiesa San Domenico al Rosario und die zahlreichen weiteren Kirchen und Palazzi in der Altstadt Gallipolis wird es mindestens einen weiteren Blogeintrag geben.



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Go South East: Die Caremma von Gallipoli
Die Caremma von Gallipoli
Fasten- und Osterzeit in Apulien. Ein Spaziergang durch Gallipoli und ein Treffen mit der Caremma.
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