Von Märtyrern und einem Fußbodenmosaik: Die Kathedrale von Otranto

Sehenswürdigkeiten in Otranto: Die Kathedrale S. Maria Annunziata mit dem einzigartigen Bodenmosaik des Pantaleon.


Bis heute rätseln Kunsthistoriker über die Bedeutung der versteckten Botschaften, die der Mönch Pantaleon der Nachwelt in dem einzigartigen Fußbodenmosaik hinterlassen hat. Für Aufruhr sorgte die Nachricht über den überraschenden Rücktritt von Papst Benedikt während des Konsistoriums zur Ankündigung der Heiligsprechung der Märtyrer, deren Gebeine hier in Glasvetrinen ruhen. Zweifellos ist die Kathedrale Santa Maria Annunziata eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten der Hafenstadt Otranto.

Zugegeben, es fällt mir schwer objektiv über die östlichste Stadt Italiens zu berichten. Otranto zählt seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsorten auf der salentinischen Halbinsel. Außer seiner Lage - bei guter Fernsicht blickt man bis zur Ceraunischen Bergkette Albaniens - und der intakten Altstadt, stehen auf idruntinischen Boden auch gleich zwei meiner bevorzugten Kirchen:

  • San Pietro, die einzige Kreuzkuppelkirche Apuliens (ich berichtete hier im Blog), als repräsentatives Beispiel für den griechisch-byzantinischen Einfluss in Süditalien, die dem Betrachter anschaulich vor Augen führt, dass Griechenland nicht nur geographisch sondern auch kulturell in greifbarer Nähe ist.

  • Und natürlich die Kathedrale Santa Maria Annunziata. Auch sie eine Kirche der "Superlative" mit dem einzigartigen, vollständig erhaltenen Fußbodenmosaik des Mönchs Pantaleon und der nicht weniger interessanten Krypta, als deren Vorbild die Yerebatan Zisterne (Verstunkener Palast) in Istanbul gehandelt wird. Für den gewissen Gruseleffekt sorgen die Gebeine der Märtyrer von Otranto in der rechten Apsis. 
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Das barocke Hauptportal der Kathedrale Santa Maria Annunziata und die Fensterrose aus dem 15. Jh.

1088 geweiht, wenn auch noch lange nicht fertig gestellt, folgten in den Jahrhunderten zahlreiche Veränderungen des Sakralbaus, vielleicht nicht immer zum Besten der Kirche - zumindest von unserem heutigen àsthetischen Standpunkt aus betrachtet - aber die Krypta und das einzigartige Fußbodenmosaik der Kathedrale trotzten allen Versuchungen architektonischer Neugestaltungen und der türkischen Eroberung im Jahr 1480 bis ins heutige dritte Jahrtausend.

Pantaleon und das Fußbodenmosaik von Otranto

Die Vertreibung aus dem Paradies, der Turmbau zu Babel, Zentauren und die römische Göttin der Jagd Diana, Salomon und die Königin von Saba, Samson und Jonas - eine einzigartige Mischung von griechisch-römischer Mythologie und alttestamentarische Szenen. Auch das Mittelalter hat sich in die "fabelhafte" Bilderflut geschmuggelt: Rex Arturus lautet die Inschrift, die den sagenumwobenen König beim Kampf mit der Katze von Lausanne darstellt.


Mosaik des Mönch Pantaleon in der Kathedrale von Otranto
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Erschaffen wurde das sehr gut erhaltene und sich über den kompletten Boden erstreckenden Mosaik  in den Jahren 1163-1165 von Pantaleon, einem Mönch oder Priester aus dem nahen Kloster San Nicola di Casole. Zahlreiche Bilder und eine Interpretation des Fußbodenmosaiks gibt es in italienischer Sprache auf www.mosaicodiotranto.net

Eine Krypta mit 42 verschiedenen Säulen

Der ältesten Teil der Kathedrale Santa Maria Annunziata kann ein wahres Meer an Säulen aufweisen. Ganze 42 an der Zahl, wobei sich keine in Material oder Stilrichtung gleicht. Besondere Beachtung sollte man auch den unterschiedlichen Kapitellen widmen.

Die Krypta der Kathedrale von Otranto mit ihren 42 Säulen
Die Krypta der Kathedrale von Otranto

Fresko in der Krypta der Kathedrale Santa Maria Annunziata von Otranto
Fresken an den Seitenwänden der Krypta

Mit treffenden Worten schrieb Monsignore Grazio Gianfreda, der einen Großteil seines Leben dem Studium der Kathedrale von Otranto und dem Mosaik des Pantaleon widmete:

La Cripta è del XI secolo. Come stile, arieggia la celebre Basilica azzurra di Constantinopoli o Cordova. Di stile meschita accoglie una selva di colonne e capitelli, diversi per tempo, stile e qualità di marmo. Chi veniva dall'oriente, trovava il suo elemento culturale e non si sentiva forestiero. È l'Umanesimo cristiano
(Mons. Grazio Gianfreda: Otranto - Cattedrale in immagini, 6° Edizione Lecce 2006 S. 57)

Osmanische Eroberer und 800 Märtyrer

 "Capella dei Martiri" in der rechten Apsis der Kathedrale

"Mamma li turchi" ist eine häufig gebrauchte Redewendung im südlichen Apulien. Die Belagerung und anschließende Eroberung Otrantos durch das osmanische Heer hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Man schrieb das Jahr 1480. Nach zweiwöchiger Belagerung gelang es dem osmanischen Feldherrn Gedik Ahmed Pascha die östlichste Stadt Italiens einzunehmen. Dabei sollen über 800 Menschen enthauptet worden sein, die heutigen Märtyrer von Otranto.

Laut traditionellen Erzählungen wurden die männlichen Einwohner Otrantos vor die Wahl gestellt, dem christlichen Glauben abzuschwören und sich zum Islam zu bekehren oder den Tod durch Enthauptung entgegen zu gehen. 800 Einwohner Otrantos wählten den Tod, wurden auf einem vor der Stadt gelegenen Hügel (welcher heute noch den Namen der römischen Göttin Minerva trägt, Colle di Minerva) getrieben und enthauptet.
Dreizehn Monate später, im Jahr 1481, wurde Otranto von christlichen Streitkräften unter Führung Alfons II befreit. Derselbe soll die 800 sterblichen Überreste unversehrt vorgefunden haben
Noch heute befinden sich Schädel und Knochenreste von 500 Märtyrer in der Capella dei Martiri in der rechten Apsis der Kathedrale.

Unter den Einwohnern von Otranto und der nahen Umgebung kursieren zahlreiche Geschichten in verschiedenen Varianten über die Hinrichtung der 800 Märtyrer.

Einige Geschichtsforscher sind anderer Auffassung: Man konnte an den sterblichen Überresten Verletzungen durch Kampfhandlungen nachweisen, u.a. wurde in Schädeln Pfeilspitzen gefunden. Außerdem gilt es als unüblich, dass Osmanen Andersgläubige hinrichteten. Usus war es, sie stattdessen mit einer Steuer (Dschizya) zu belegen.

Im Mai 2013 wurden die 800 Märtyrer von Otranto durch Papst Franziskus heiliggesprochen.


Vielleicht kann der eine oder andere nachvollziehen, warum Otranto zu meinen bevorzugten Orten im Salento gehört. Geschichte zum Anfassen, mit einer faszinierenden Mischung aus Wahrheit und Legende. Einst Kreuzpunkt zwischen Orient und Okzident, für viele Jahre vergessen am Rande des westlichen Europas, konnte Otranto bis heute nicht an seine glorreiche Vergangenheit anknüpfen. Seinen Charme und die  in den Wintermonaten spürbare Melancholie ist geblieben, auch wenn im Sommer vermehrt ausländische Touristen den Weg bis in den tiefen Süden finden. Wir werden sehen, was die Zukunft der östlichsten Stadt Italiens noch alles bringen mag.

Öffnungszeiten:

Täglich                      7.00 - 12.00 und 15.00 - 17.00
Juni bis September   7.00 - 12.30 und 15.00 - 20.00
(Alle Angaben ohne Gewähr)

Für weitere Informationen und Bilder Mons. Grazio Gianfreda


Literaturtipps

DuMont Kunst-Reiseführer Apulien* - Eine informative und detaillierte Lektüre über die Geschichte und Kulturgüter Apuliens. Auch die Kathedrale Santa Maria Annunziata und das berühmte Fußbodenmosaik von Otranto werden ausführlich beschrieben. Leider nicht als eBook erhältlich.

*Amazon-Partnerlink. Wenn Ihr das Buch über diesen Link bestellt, erhalte ich eine kleine Provision. Für Euch entstehen keine Mehrkosten.



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Von Märtyrern und einem Fußbodenmosaik: Die Kathedrale von Otranto
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